Vortragsreihe zur Stadtgeschichte

Donnerstag,
22. März,
19 Uhr,

Rain als Modell wittelsbachischer Stadtgründungspolitik oder Zur Gründung der Stadt Rain, Referent: Prof. Dr. Wilhelm Liebhart, M. A., Fachhochschule Augsburg.
Große Lachner-Stube des Hotel-Gasthofes "Zum Boarn" (Fam. Stöckle)
Hauptstraße 26
Eintritt frei

Im Vorfeld zur Herausgabe eines Jubiläumsbandes, der in der ersten Juli-Woche erscheinen wird, gibt es eine Vortragsreihe mit renommierten Referenten. Alle fünf Vorträge finden donnerstags, 19 Uhr, im traditionsreichen Gasthaus "Zum Boarn" statt.
Ein Publikationsverzeichnis von Prof. Dr. Liebhart ist bei der FH Augsburg veröffentlicht.

Die weiteren Termine, Themen und Referenten:
1. März: Hochgericht und Hexenwahn: Rechtsgeschichte der Stadt Rain, Prof. Dr. Reinhard Heydenreuter
26. April: Rain am Lech im Herzogtum Ingolstadt, Dr. Theodor Straub
3. Mai: Das Gebeinhaus von Rain am Lech, Dr. Albert Zink
24. Mai: Stadtbild und Stadtgestalt Rains im späten Mittelalter, Dr. Markus Würmseher M. A.


Einen hochinteressanten Vortrag über die Gründung von Rain hielt Prof. Dr. Wilhelm Liebhart (linkes Bild). Erster Bürgermeister Gerhard Martin (oben rechts) dankte ihm für die Aufdeckung geschichtlicher Zusammenhänge herzlich. Zwischen dem Referenten und dem Bürgermeister ist oben Dr. Markus Würmseher zu sehen, der den Historiker in der bis auf den letzten Platz besetzten Lachnerstube des Gasthauses Boarn vorstellte und die Veranstaltungsreihe organisiert; hinten rechts Stadtrat Peter Senzel, Mitorganisator der Jubiläumsfeiern "750 Jahre Rain".

Pressebericht von Manfred Arloth:

Wittelsbachische Machtpolitik führte zur Gründung von Rain

Schach den Grafen von Graisbach! - Vortrag von Prof. Dr. Liebhart

Einen hochinteressanten Vortrag zum Thema "Rain am Lech als Modell wittelsbachischer Stadtgründungspolitik" hielt Prof. Dr. phil. Wilhelm Liebhart aus Altomünster in der bis auf den letzten Platz besetzten Lachnerstube im Gasthaus Boarn. Der Historiker zeigte sich davon überzeugt, dass womöglich zwei wittelsbachische Herzöge, nämlich Otto II. (1231 – 1253) und Ludwig II. (1253 – 1294), als Gründer der Grenzstadt Rain in Frage kommen.

Als Begründung führte er an: "Ersterer wollte sein Land an Lech und Donau abrunden, letzterer dachte schon an eine mögliche Expansion nach Schwaben. Beide Male war eine Grenzstadt im Winkel zwischen Lech und Donau von Nutzen. Da beiden die Grafen von Graisbach-Lechsgmünd im Wege standen, lässt eine Stoßrichtung gegen sie am wahrscheinlichsten werden. Es ist kein Zufall, dass die Grafen 1240/1241 ihr Zisterzienserinnenkloster von Burgheim an die heutige Stelle verlegten. In der Begründung heißt es ‚propter causas quasdam necessarias et graves, quae spiritualibus observantiis novercabantur ibidem’. Welche schwerwiegenden und gewichtigen Gründe sollen die Schwestern abgehalten haben, in Burgheim ihre strenge Observanz zu befolgen? Suchten sie nur "Tal und Einsamkeit", wie es die Regel forderte? Man hat im Mittelalter nicht nur Städte, sondern auch Klöster dem Nachbarn an die Grenze der gemeinsamen Interessenssphären gesetzt. Kirchenbesitz war unantastbar, konnte aber vom Stifter mittels der Vogtei indirekt beherrscht werden."

Zu Beginn seines eineinhalbstündigen Referats berichtete Dr. Liebhart, dass die meisten bayerischen Städte im Zeitraum zwischen 1200 und 1300 entstanden seien. Eine Stadt unterschied sich von einem Marktflecken oder gar einem Dorf durch eine Befestigung (Stadtmauer), dadurch, dass es ein "wirtschaftlicher Umschlagplatz" war, dass es Handel und Gewerbe gab (in einem Dorf: nur Wirt, Schmied und Bader), dass eigenes Recht erlassen wurde (Stadtrecht), dass eine "Bürgergemeinde" vorhanden war ("Alljährlicher Schwur, zusammenzuhalten"; aus dem Stadtsiegel wurde das Stadtwappen) und dass die Stadt "zentrale Funktionen" wie etwa Verwaltung, Richteramt, Notariat und Schulen wahrnahm. "Um 1180 war das Herzogtum Bayern bis auf die alten Bischofssitze städtelos", sagte Dr. Liebhart. Es sei die große Leistung der frühen Herzöge Ludwig I. (1183-1231), Otto II. und Ludwig II. gewesen, eine "Städtelandschaft" geschaffen zu haben. Oft seien Burgen Keimzellen der Städte gewesen. Die Wittelsbacher seien höchst erfolgreich gewesen, weil sie auch die Gunst der Könige und Kaiser besaßen - und deren Schwächen nutzten.

Städte, aber auch Marktflecken hatten einen planmäßig angelegten Marktplatz und eine geschlossene Bauweise. Bei einem Straßenmarkt wie etwa in Rain wurde die Durchgangsstraße, hier die "Hauptstraße", zu einem Platz ausgeweitet. Auf diesem "Marktplatz" fand der Warenaustausch zwischen Stadt und Umland statt. Handwerker und Gewerbetreibende verkauften hier auf mehrtägigen Jahrmärkten und Wochenmärkten ihre Produkte an die Bauern. Die Bauern brachten Getreide, Vieh und Milchprodukte auf den Markt. Stadt und Markt sollten in erster Linie das Agrarland ihrer Region mit Gewerbeprodukten versorgen. Fern- und Transithandel selbst betrieben nur die wenigsten, aber er lief durch viele städtische Siedlungen. Voraussetzung war eine Arbeitsteilung zwischen Stadt und Umland, sie führte zur Monopolisierung des Gewerbes auf die städtischen Siedlungen. Für das Umland herrschte Marktzwang. Niederlags- und Stapelrechte für den Hauptexportartikel Salz und den Hauptimport Wein erhöhten die Attraktivität. Meist im Mittelpunkt der Plätze stand und steht das Rathaus als Symbol bürgerlicher Autonomie.

Am 4. Juli 1257 schenkte Ludwig II., Herzog von Bayern und Pfalzgraf bei Rhein, in Neuburg an der Donau den Zisterzienserinnen zu Niederschönenfeld das Patronatsrecht und die Vogtei über die Pfarrei Tulgen (Bayerdilling). Diese Stiftung ermöglichte dem Frauenkloster, über die Einkünfte (Zehnten) der Pfarrei alleine zu verfügen und dem Bischof von Augsburg einen Geistlichen als Pfarrer vorschlagen zu dürfen. Der Verzicht auf die Vogtei, d. h. auf die weltliche Schutzherrschaft über kirchlichen Besitz, bedeutete konkret die Erlassung von üblichen Vogteiabgaben seitens des Klosters. Das Kloster verpflichtete sich, jährlich ein Stiftungsamt für die Wittelsbacher halten zu lassen und verlehnten Grundbesitz zurückzuerstatten. Wie so oft im Mittelalter erscheinen die Wittelsbacher als Förderer der Kirche und der Klöster, in diesem Fall des Klosters Niederschönenfeld, das vor 1241 von seinen Gründern, den Grafen von Lechsgemünd-Graisbach, von Burgheim an die gegenwärtige Stelle verlegt worden war.

"Wenn auch um 1231 bis 1234 Bayerdilling mit seinem Kastenamt "zentraler Ort" war und das Dorf Brucklach nahe Rain ‚abgegangen’ ist, verschoben sich zwischen 1230 und 1280 die Machtverhältnisse im Rainer Winkel völlig zugunsten der wittelsbachischen Herzöge, da sie mittlerweile den gesamten Neuburger Raum beherrschten und die Stadt Rain gegründet hatten", führte Dr. Liebhart weiter aus. Durch die Verlegung des Kastenamts Bayerdilling in die junge Stadt Rain, die jetzt "officium Rein" hieß, habe Rains Aufstieg zur Amtsstadt begonnen, Bayerdilling hatte seinen frühen Zentralortcharakter verloren. Ungewöhnlich, so Dr. Liebhart, sei in der "Gründungsurkunde Rains", die geographische Lagebeschreibung des Klosters Niederschönenfeld "iuxta Rein civitatem nostram", also "neben Rein, unserer Stadt". Seinen Vortrag schloss er mit den Worten: "Wie auch immer: Rain hat sich durch die Jahrhunderte behauptet und feiert 2007 seine Ersterwähnung als Stadt 1257."