Vortragsreihe zur Stadtgeschichte

Donnerstag,
3. Mai,
19 Uhr,

Das Gebeinhaus von Rain am Lech
Referent: Dr. Albert Zink

Große Lachner-Stube des Hotel-Gasthofes "Zum Boarn"
Hauptstraße 26
Eintritt frei
 

Im Vorfeld zur Herausgabe eines Jubiläumsbandes, der in der ersten Juli-Woche erscheinen wird, gibt es eine Vortragsreihe mit renommierten Referenten. Alle fünf Vorträge finden donnerstags, 19 Uhr, im traditionsreichen Gasthaus "Zum Boarn" statt.

Privatdozent Dr. rer. nat. Albert Zink, geboren am 21. Dezember 1965, leitete im Rahmen seiner Tätigkeit bei Prof. Dr. Andreas Nerlich die wissenschaftliche Bearbeitung der Gebeine des Karners von Rain vor Ort und die weiterführenden Spezialuntersuchungen in den Laboratorien der Pathologischen Institute. 

Er studierte Biologie an der Ludwig-Maximilians-Universität München (LMU) und schloss seine Dissertation am Institut für Anthropologie und Humangenetik im Jahre 1998 ab. Im Anschluss arbeitete er als wissenschaftlicher Angestellter bei Prof. Dr. Nerlich am Pathologischen Institut der LMU München und dem Akademischen Lehrkrankenhaus München-Bogenhausen am Nachweis von krankhaften Veränderungen bei altägyptischen Mumien und speziell an der Etablierung molekularbiologischer Verfahren zum Nachweis humanpathogener Erreger. Anfang 2005 konnte er seine Habilitation abschließen und er erhielt die Lehrbefugnis an der Medizinischen Fakultät der LMU München.

Seit Oktober 2004 ist er Mitglied in der Gruppe von Prof. Dr. W. M. Heckl am Department für Geowissenschaften der LMU und leitet dort seit März 2006 die Arbeitsgruppe Nanobiomedizin.

Die weiteren Termine, Themen und Referenten der Vortragsreihe:
1. März: Hochgericht und Hexenwahn: Rechtsgeschichte der Stadt Rain, Prof. Dr. Reinhard Heydenreuter
22. März: Rain als Modell wittelsbachischer Stadtgründungspolitik oder Zur Gründung der Stadt Rain, Prof. Dr. Wilhelm Liebhart, M. A.
26. April: Rain am Lech im Herzogtum Ingolstadt, Dr. Theodor Straub
24. Mai: Stadtbild und Stadtgestalt Rains im späten Mittelalter, Dr. Markus Würmseher M. A.
 
Bericht und Bilder von Manfred Arloth über den Vortrag:

Infektionskrankheiten waren eine Plage
Gebeine wissenschaftlich untersucht - Vortrag von Prof. Dr. Albert Zink

"Infektionskrankheiten, wie etwa Tuberkulose, Lepra, Syphilis und Malaria, aber auch Zahnerkrankungen waren im Mittelalter eine große Belastung für die Bevölkerung", berichtete Privatdozent Prof. Dr. Albert Zink in einem Vortrag im Gasthof Boarn. Er informierte die an Rains Geschichte Interessierten über meist recht erstaunliche anthropologische Erkenntnissen aus der Untersuchung des Skelettmaterials im Gebeinhaus der Allerheiligenkapelle, die 1998 von Dr. Zink und Prof. Dr. Andreas Nerlich sowie einer Studentengruppe durchgeführt wurde.

In dem Karner (Gebeinhaus) befanden sich Schädel und Langknochen aus der Zeit zwischen 1250 und 1803, als der Friedhof bei der Stadtpfarrkirche aufgelassen wurde. "Dieses Ossuarium ist für den süddeutschen Raum ein Sonderfall, weil Gebeinhäuser sonst nur in Bergregionen mit wenig Platz zur Lagerung der Toten bekannt sind", sagte Dr. Zink. Der ausgezeichnete Erhaltungszustand der Knochen und der Bestattungszeitraum habe die Knochenfunde zu einer wichtigen wissenschaftlichen Quelle zur Erforschung der Lebensumstände der Rainer Bevölkerung des ausgehenden Mittelalters bis weit in die Neuzeit hinein gemacht. Die zahlreichen Anzeichen für krankhafte Befunde, wie etwa Verletzungsfolgen, Mangelerscheinungen und Infektionskrankheiten, ließen dabei wichtige Rückschlüsse auf kriegerische Handlungen, das Auftreten von Krankheiten und deren Verlauf und Entwicklung zu. Im Rahmen mehrerer wissenschaftlicher Arbeiten seien diese Faktoren mit weiterführenden analytischen und molekularbiologischen Methoden in den Laboratorien der Münchner Ludwig-Maximilian-Universität (LMU) untersucht worden. Dabei seien drei medizinische Doktorarbeiten mit spezieller Fragestellung vergeben und wichtige Ergebnisse auf internationalen Kongressen und in Fachpublikationen vorgestellt worden. "Die Ergebnisse stießen dabei auf ein breites Interesse und haben den Karner von Rain am Lech weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gemacht", sagte Dr. Zink.

Die Wissenschaftler sichteten etwa 20000 Knochen und Knochenbruchstücke und erfassten schließlich 16490 Skelettelemente genauer. Dr. Zink: "Dabei wurde jeder einzelne Knochen genau bestimmt, alters- und geschlechtsdefinierende Merkmale erfasst und morphologische Auffälligkeiten beschrieben, die auf einen krankhaften Prozess hinweisen könnten." Bei der Untersuchung der Knochen seien in vielen Fällen krankhafte Veränderungen, wie etwa Tumore, Arthrosen, Zahnerkrankungen, aber auch Verletzungen von Langknochen und von Schädeln gefunden worden, was auf gewalttätige Auseinandersetzungen hinweise. "Das ist an sich kein Wunder, weil im Rainer Gebiet im Laufe der Geschichte oft und oft kriegerische Handlungen stattfanden", meinte der Referent. "Bei den Schädeln aus dem Rainer Karner fielen insbesondere die oftmals sehr schweren und ausgedehnten Hiebverletzungen und Impressionsfrakturen auf. Interessanterweise befanden sich darunter eine nicht unerhebliche Anzahl mit Zeichen für einen fortgeschrittenen Heilungsprozess der Frakturen", konstatierte der Privatdozent. Aus dem Fund einer überraschend hohen Zahl von bösartigen Tumoren könne man nur folgern, "dass Krebserkrankungen offensichtlich nicht typisch für unsere moderne Gesellschaft sind." Erstmals sei an Knochen aus dem Rainer Karner eine "Malariainfektion im süddeutschen Raum" nachgewiesen worden.

Vorgestellt wurde Dr. Zink von Dr. Markus Würmseher, dem Initiator der Vortragsreihe aus Anlass des Jubiläums "750 Jahre Stadt Rain". Herzliche Worte des Dankes gegenüber dem Humanbiologen fand Erster Bürgermeister Gerhard Martin am Schluss des mit Beifall aufgenommenen Referats.